Nach einem Wochenende, das nach Sommer roch, ist der Himmel wieder grau und es stinkt nach Herbsttag, obwohl doch Frühling sein sollte.
Genau in diesem Moment denke ich, dass ich meinem lieben Onkel Pancho (Tíó Pancho, manchmal wird er auch liebevoll Onkel Schwein von ein paar Cousins genannt) einen Artikel widmen sollte.
Er wird ihn nicht lesen können, leider oder vielleicht sogar besser, aber er verdient es, das man ein paar Zeilen über ihn schreibt.
Tío Pancho ist der Mann von der Schwester (Monica) meiner Mutter. Monica (68) ist eine Ehefrau wie sie im Buche (der 60er Jahre) steht: kollegial, zuvorkommend, kocht hervorragend, kümmert sich um ihre Enkelkinder, ihre Kinder, ihren Mann und stellt sich an letzte Stelle.
Pancho nicht.
Pancho ist der Machogatte, den eine Frau aus den 60er Jahren aushält. Heute würde die Scheidung bei so einem Mann nach 2 Wochen Ehe eingereicht werden. Wahrscheinlich würde es nicht einmal zu einer Eheschließung kommen.
Ich frage mich immer wieder, was meine Tante dazu bewegt hat, diesen Mann zu heiraten oder was sie an ihm auf irgendeiner Weise anziehend findet. Ein Rätsel für mich...und im Grunde für die ganze Familie.
Das ist kein Geheimnis.
Sie erklärt mir, damals seien sie noch häufiger ins Kino gegangen, er hätte sich mehr im Haushalt beteiligt und er habe als sie jung waren ein Auto gehabt und hatte kein Problem es zu fahren. Heut sieht die Welt anders aus.
Ich bin der Ansicht das Onkel Pancho einen Eintrag in meinem Blog verdient hat, da er die Zeit die ich in Chile verbracht habe - zu manch lustigen und nervigen Stunden bereitet hat.
Wie kann man Tío Pancho am Besten beschreiben?
Er ist nun 75 Jahre alt - ungefähr - und sitzt nur zu Hause rum, lässt sich bekochen, bedienen und weiß immer alles besser und hat Alzheimer. Eine herrliche Mischung.
Es ist manchmal (oder vielleicht doch immer) sehr anstrengend sich mit ihm zu unterhalten, da man nicht weiß was wahr und was erfunden ist. Er will bei jeder Diskussion das letzte Wort haben...
Kurz zusammengefasst - was ich an ihm nicht leiden kann:
- es fällt ihm schwer, sich von seiner Frau für 3 Stunden zu trennen
- er spült nie, wenn er auf der Toilette war
- er lobt nie die Kochkünste meiner Tante (die wirklich außerordentlich sind)
- er hat sich ein Auto gekauft (vor einem Jahr) und gibt dem Verkehr die Schuld für sein NICHT-FAHREN
-WOLLEN
- geizig (möchte seiner Frau nichts zum Geburtstag schenken, da er der Ansicht ist, er trägt jeden Tag zu ihrem Wohl bei. Leider hat der gute Mann keine Ahnung)
Es gibt eine Menge, die ihn zu dem machen, der er ist: eine unausstehliche Person.
Ich habe meine Tante gefragt, ob er immer so sei? So ANSTRENGEND?“ Mit einem klaren "ja" begreife ich noch weniger, weshalb man sich in solch eine Person verlieben konnte beziehungsweise den Rest des Lebens gemeinsam geht (obwohl wenn man sie auf der Stadt beobachtet - rennt sie immer 5 Meter vorweg und er kommt mit Mühe und Not hechelnd hinterher)
.
Vielleicht handelt es sich auch um Mitleid?!
Ich muss diese Beziehung in irgendeiner Form relativieren oder mir erklären, weshalb sie bei ihm bleibt....noch gibt es kein Argument, das mich überzeugt.
Manchmal tut er mir vielleicht doch Leid,..so ein bisschen, ein ganz kleines bisschen.
Tío Pancho ist zynisch, arrogant und oft passieren nur dumme Geschichten mit ihm.
Geschichte Nummer 1:
Vor ein paar Wochen waren meine Tante und Tío Pancho in Santiago (Hauptstadt von Chile). Sie waren schon öfter in Santiago, um ihren Sohn Felipe zu besuchen, daher müsste man davon ausgehen, dass sie sich ein wenig auskennen. Sie haben den guten Mann (Onkel Pancho) nur kurz Brot einkaufen geschickt. Jedenfalls kam Tío Pancho nicht zurück. Nicht nach 1 Stunde, nicht nach 2 Stunden...aber ein Anruf der Polizei erhielt meine Tante mit folgender Information: „Neben uns steht ein Mann, der nicht mehr weiß wie er heimkommt und die Adresse auch vergessen hat - können sie uns weiterhelfen?“
Meine Cousins (die Söhne) lachen noch heute über diese Geschichte und viele Familienmitglieder werfen meiner Tante vor, dass sie die Chance ihres Lebens verpasst hat und sagen hätte müssen -„Ich kenne den Mann nicht, der neben ihnen steht“. Chance vergeigt.
Tío Pancho kam nach ein paar Stunden nach Hause.
Geschichte Nummer 2:
Meine Tante und mein Onkel Pancho waren vor ein paar Monaten auf einer goldenen Hochzeit eingeladen gewesen.
Zu der Zeit war Tío Pancho in ein Buch vertieft „Allende“ - ein politischer Diskurs über die Opfer und Täter in der Militärzeit Chiles. Naja jedenfalls hatte meine Tante zuerst das Buch gelesen und war ganz fasziniert. Um ehrlich zu sein, hätte ich Onkel Pancho nicht soviel Literatur zugetraut. Sie waren also bei dieser goldenen Hochzeit und meine Tante meinte, dass sie sich gerade mit ein paar Freundinnen unterhalten hatte, als sie Tío Pancho eine Story erzählen hörte, die sie irgendwoher kannte.
Aus dem Buch „Allende“...
„Ich war dort als es passierte“ - sagt er.
„Ich habe gesehen wie die Moneda bombardiert wurde.“
Tante Monica weiß nicht recht, ob sie lachen oder es furchtbar finden soll. Was Onkel Pancho da erzählt entspricht nicht seiner Wahrheit sondern der Wahrheit des Protagonisten aus dem Buch. Zu der Zeit als die Moneda (Präsidentenpalast in Santiago) bombardiert wurde war Tío Pancho weder bei der Moneda noch in Santiago. Viele Gäste hören interessiert zu. Sie können es nicht glauben, das sie da gerade mit einem Zeitzeugen reden.
Geschichte Nummer 3:
Tío Pancho hat es mit der Blase. Er geht gefühlte 50mal am Tag auf‘s Klo. Mein Freund war zu Besuch in Chile und war mit ihm einkaufen. Auf dem Weg zurück hat Tío Pancho 3 mal an irgendwelche Hochhäuser/Büsche gepinkelt. Er hat es mir der Blase, das darf man nicht vergessen. Mein Freund wusste gar nicht wie er reagieren sollte. Wie ein räudiger Hund kam ihm Tío Pancho vor...der mal kurz sein Bein anhebt und sein Geschäft erledigt.
Furchtbar peinlich.
Mein Aufenthalt in Chile neigt sich dem Ende zu.
Ich werde vieles vermissen: die Stadt Concepción, die Leute, meine Arbeit, meine Kollegen, der furchtbare Verkehr, bei dem man sich jeden Tag fragt, weshalb nicht mehr Menschen ums Leben kommen...,das gute Essen (Empanadas, pastel de choclo, bistec a lo pobre, Koriander in jedem Gericht etc.) und natürlich meine Familie.
Ob ich Tío Pancho vermissen werde... ist schwer zu sagen, sein dummes Geschwätz wird mir auf irgendeine Weise fehlen.